2012 – Dent Blanche (4357m)

Dieses Jahr haben wir uns mit der Dent Blanche ein mental und körperlich äußerst anspruchsvolles Projekt für eine kleine Gruppe der Hochtourengänger des Vereins ausgesucht. Julian, Ben, Jens und Chri starten dafür am 05.08.2012 in Richtung Wallis. Doch bevor wir uns an die großen Berge wagen gibt es erst einmal eine Stärkung in Form von Steak, Bier und Zigarren bei Bens Opa in Lörrach. Hier lassen wir den Abend entspannt am Rhein ausklingen und beobachten trocken ein gigantisches Gewitter auf der schweizer Rheinseite. Die Spannung steigt, denn für den Aufstieg ist Regen vorhergesagt.

Dent Blanche (2012) 01

Dent Blanche (2012) 01

Übernachten wollen wir im Freien, für unser Biwak sind daher Kocher, Schlafsack, Essen, Isomatten, Biwaksäcke… im Gepäck, die eine anstrengende Hochtour nicht unbedingt einfacher machen. Als Student ist dies jedoch die einzige Möglichkeit um einigermaßen günstig in den schweizer Bergen unterwegs zu sein.

Wir starten morgens von Arolla in Richtung Cabane de la Vignette. Unser Weg führt uns über eine riesige Moräne hinauf zu den Gletschern. Schnell haben wir die „grünen“ Bereiche hinter uns gelassen und grau dominiert von nun an. Leider beginnt es wie erwartet heftig zu regnen, was dazu führt, dass der Schlussanstieg über den Gletscher eher einer Kneipp-Tour ähnelt. Völlig durchnässt und gebeutelt vom Wind beschließen wir in der Hütte zu nächtigen. Die Hütte ist praktisch leer und so verbringen wir den Tag schlafend im Lager bzw. beim Kartenspiel im Aufenthaltsraum. Das Wetter hat sich nicht gebessert und wir sind ein wenig nervös, ob dies den Abstieg ins Tal am nächsten Morgen bedeutet. Doch wir haben Glück. Am nächsten Morgen können wir vom Lagerfenster einen klaren Himmel und die Sterne sehen. Schnell ist alles gepackt und wir starten um 6 Uhr morgens in Richtung unserer Gipfelziels dem L’Evêque mit 3716m. Nach 5km Gletscherwanderung auf dem Glacier de M. Collon stehen wir am Fuß des Berges und sind beeindruckt von den großen Spalten, die sich durch den Gipfelgletscher ziehen. Wir deponieren unsere Schlafsäcke und gehen mit leichtem Gepäck weiter. Wir überschreiten riesige Schneebrücken, die uns schnell unsere eigene Größe bewusst machen. Für den Gipfelanstieg binden wir uns aus dem Seil aus und die letzten Meter zum Gipfel (so glauben wir), ist jeder für sich selbst verantwortlich. Doch am Ende der Eisflanke wartet nicht wie erwartet leichte Kraxelei sondern ein ausgesetzter bröseliger Grat mit Schwierigkeiten im oberen vierten Klettergrad. Nach den ersten 20 Minuten fühlen wir uns auch dort einigermaßen sicher und klettern in 2er Seilschaften zum Gipfel. Wir genießen ein herrliches Panorama mit Blick auf alle namhaften Berge des Wallis. Kletternd abseilend geht es wieder hinab und kurz darauf sind wir am Materialdepot angekommen. Wir stärken uns mit heißer Brühe, Backerbsen und anderen Leckereien und kämpfen uns anschließend in der brennenden Hitze des Gletschers hinauf zum Col de L’Evéque. Von dort wollen wir ins das nächste Tal absteigen um anschließend auf der gegenüberliegenden Seite zur Dent Blanche hinüber zu queren. Unsere zweite Nacht verbringen etwas unterhalb des Sattels auf ca. 3500m. In unserem Schneeloch ist es überwiegend warm. Nur Chri, vom Regen angeschlagen, erkältet sich, was ihn 2 Tage später den Gipfel der Dent Blanche kosten wird.

Dent Blanche (2012) 02

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Am nächsten Morgen steigen wir zum Haute Glacier d‘ Arolla ab, um von dort über den Col de Mont Brulé, den Haute Glacier de Tsa de Tsan, den Col de Valpelline und dem Plateau d’Herens (12km) zum Fuß der Dent Blanche zu klettern/wandern. Am Col de Mont Brulé folgen wir alten Spuren hinauf durch steiles Schuttgelände. Wir sind froh früh gestartet zu sein, denn so ist das meiste noch gefroren und der Aufstieg leichter. Oben angekommen erwartet uns erneut eine beeindruckende Weitsicht auf spektakuläre Hängegletscher und leider die Erkenntnis zu weit rechts aufgestiegen zu sein. Doch wir sind offensichtlich nicht alleine mit diesem Schicksal. In 3 Stunden klettern wir den Felsgrat entlang und entdecken immer wieder Spuren von anderen Touren. Der Grat ist bis zuletzt spannend und erfordert äußerste Aufmerksamkeit. Im Anschluss geht es noch über Gletscher weiter bis zur Cabane de la Dent Blanche, eine winzige vollkommen ausgebucht Hütte. Hier bleibt Chri zurück, während Julian, Ben und Jens weiterziehen zur Wandfluelücke um dort zu biwakieren. In perfekter Abendstimmung klettern wir die letzten Meter zu unserem Biwakplatz auf 3700m Höhe. Die Sonne geht gerade unter und wir sind total geplättet vom Panorama mit dem Matterhorn direkt vor uns und den vielen weiteren 4000ern …und natürlich auch von der 16 Stunden langen Gletscherquerung. So sieht also der “Erholungstag” vor einem Gipfelsturm aus. Dann wieder ein Schneeloch freihacken, Eis schmelzen für Trinkwasser und Spaghetti Kochen. Dazwischen schlafen wir immer wieder aus Müdigkeit in unseren warmen Schlafsäcken ein. Die Temperaturen sind deutlich unter dem Gefrierpunkt – dafür werden wir wieder mit einem gigantischen Sternenhimmel belohnt. Ohne Zelt schlafen hat auch Vorteile.

Wir wachen auf als die ersten Bergsteiger an uns vorbei Richtung Gipfel ziehen. Da haben wir uns wohl ein bisschen in der Zeit verkalkuliert – es ist doch noch mitten in der Nacht. Also raus aus dem warmen Schlafsack und rein in die gefrorenen Schuhe und los gehts. Als Kaltstart ein Eisfeld hoch und 200 Höhenmeter in leichtem Fels Richtung nächstem Eisfeld. Die Pumpe kommt langsam in Schwung und wir klettern Seilfrei bis zum Großen Gendarm, eine Felsbarriere die uns zum Ausweichen in die Westwand zwingt. Von nun an wird es deutlich schwieriger, dennoch klettern wir vorwiegend simultan am gleichen Seil um Zeit zu sparen. Denn nun nur noch zu dritt werden wir die Nachteile einer 3er-Seilschaft noch früh genug zu spüren bekommen. Durch vom Gipfel absteigende Gruppen werden wir immer wieder blockiert und zu Ausweichmanövern gezwungen welche Zeit und Nerven kosten. Bergführer verhalten sich gegenüber den “Grampis”, wie sie die führerlosen Gruppen beschimpfen, meist ignorant und rücksichtslos. Wir sind nun noch die einzigen ohne Führer auf dem Berg, also Freiwild.
Die letzten hundert Höhenmeter sind einfach und dann sind wir auch schon oben – den Gipfel haben wir komplett für uns alleine. Auf 4357 Metern Höhe genießen wir die Aussicht und freuen uns. Doch der Abstieg wartet – wir sind hinter unserem Zeitplan und abwärts dauert es genau so lange wie hoch. Nach einem Verhauer beim Abseilen und Problemen mit krangelnden Seilen kommen wir abends wieder auf der Hütte an und treffen Chri, der sich zur Ablenkung auf der Hütte nützlich gemacht hatte. Doch, er war recht erleichtert uns gesund wieder zu sehen nachdem die anderen Gruppen schon vor uns eingetroffen waren.

Dent Blanche (2012) 04

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Der Abstieg ins Tal über einen gigantischen Gletscher und die Wegfindung in den Moränen komplett im Dunkeln ist brutal. Mit 20 Kilo auf dem Rücken wandern wir stundenlang ins Tal Richtung Ferpècle. Nur den kleinen Ausschnitt der Stirnlampe vor uns tauchen wir wieder in die Vegetation des Tales ein. Nach Tagen in Schnee und Eis sind unsere olfaktorischen Sinne bewusster und mit jedem Höhenmeter den wir absteigen können wir eine andere Pflanze riechen. Sehr meditativ – wenn es nicht so anstrengend wäre. Um 0:30 Uhr fallen wir auf einem Wanderparkplatz kurz vor der Ortschaft ohne noch essen zu können tot auf unsere Matten – 20 Stunden Höchstleistung liegen hinter uns.

Am nächsten Morgen stiefeln wir weiter Richtung Talende und finden schließlich auch eine Mitfahrgelegenheit welche bereit ist einen verschwitzten Bergsteiger mitzunehmen. Jens holt das Auto und wir essen das beste Croissant der Welt in Les Haudères auf dem Marktplatz. So muss eine tolle Tour enden.