2012 – Nepal Peak Climbing

3.5.2012

HC Trashi Labsta (5230m) – HC2 Trashi Labsta (5650m)

Es was ein eisiger Morgen. Wieder einmal mussten wir uns durch den unangenehm kalten Moment zwischen unserem warmen Daunenschlafsack und dem Loslaufen durchbeißen. Es war 06:30 Uhr. Wir rannten fast eine ganze Stunde den Gletscher nach Norden, bis uns einigermaßen warm wahr. Von dort (5.400m) sahen wir schon die Schlüsselstelle des Passes: Es war ein lediglich 20 Meter langes sehr einfaches, vereistes Hängchen. Danach ging es wieder ganz einfach über einen weiten Gletscher nach oben. Auf der Passhöhe hatten wir einen überragenden Ausblick auf den vereisten Parchermo Peak (6.273m) und nach Osten auf viele weitere spektakuläre Gipfel des Kumbu. Der Wind pfiff uns um die Ohren. Neben uns war in sicherer Entfernung die Steilwand, die für Steinschlag recht bekannt war. Unter ihr hatten wir einige Meter queren müssen, um auf den Pass zu gelangen.

Direkt hinter dem Pass lagen unter einem kleinen Überhang von 50m höhe einige Biwakplätze. Es waren sehr kleine fast ebene Stellen, auf die jeweils mit Mühe und Not ein Zelt passte. Oberhalb des Überhangs thronte eine mehrere hundert Meter hohe Steilwand.

Au dem Weg zu den Biwakplätzen kam uns unser Porter- und Guide-Freund „Dorgee Tsering Sherpa“ entgegen. Er war für die Russische Expedition als Porter von Beding aus mitgelaufen. Wir fragten ihn, wie es auf den Parchermo ginge. Er sagte, man müsse einfach nur über die Eisflanke gerade nach oben und dann dem Grad folgen bis er aufhörte. Wir verabschiedeten uns von diesem freundlichen Menschen und gingen weiter.

Was echt erstaunlich war, ist, dass die ganzen Porter hier auf dem Gletscher nur in durchgelatschten Turnschuhen unterwegs waren. Wir froren uns in unseren Bergschuhen fast die Zehen ab wenn wir nicht gerade liefen. Wir gingen also zu einer Stelle an der besonders viele Biwakplätze waren und die besonders gut vor Steinschlag geschützt zu sein schien. Dort suchten wir uns einen coolen Platzt diesekt am Fels aus. Wir bauten unseren Kocher auf und kochten Rinderkraftbrühe mit „Ru Ti“-Streifen. Es war richtig kalt, trotz unserer Daunenjacken. Das Wasser brauchte eine halbe Ewigkeit bis es kochte. Weil uns so kalt war gingen wir gleich nach dem Essen in unser Zelt und legten uns in unsere Schlafsäcke. Das Zelt hatten wir mit wilden Methoden an Steinen befestigt und es stand sehr sicher. Allerdings pfiff der Wind durch die großen Spalten, die zum Boden offen standen. Durch die Netzte, die in die Türen unseres Innenzeltes eingearbeitet waren, trug der Wind den Schnee. Wir schliefen, während der Schnee uns stetig ins Gesicht fiel. Ich schaffte es nicht meine Füße anständig warm zu bekommen also kochten wir Wasser und funktionierten unsere Nalgene-Trinkflaschen zu Wärmflaschen um. Das funktionierte top und gab uns für mindestens vier Stunden warm. Wir blieben den ganzen Nachmittag über im Zelt. Am Abend kochten wir Carbonara. Auf dieses Gericht hatten wir uns beide schon seit Ewigkeiten gefreut. Wir hatten es uns aufgehoben und seit fast zwei Wochen mit uns herum getragen, um am Gipfeltag so richtig „Bims“ zu haben. Nach dem Essen gingen wir noch einmal aus dem Zelt. Der Wind und der Schneefall hatten nachgelassen und wir sahen wieder den Parchermo mit seiner spektakulär vereisten Flanke vor uns stehen.

 

 

Es war 04:15 Uhr. Wir krochen aus unseren warmen Daunen in die Kälte. Schon am Abend zuvor hatten wir alle unsere Sachen für den Gipfeltag akribisch hingerichtet damit wir in der morgendlichen Kälte nicht so lange rödeln mussten. Wir gingen aus dem Zelt, während die russische Expedition noch in den Federn lag. Bei ihnen rührte sich nichts. Wir stiegen bis an die Eisflanke auf 5.900m heran. Das Eis war mit altem Schnee überdeckt und bot an manchen Stellen nur bedingt Halt. Wir zogen die Klettergurte an und planten, uns gegenseitig sichernd, abwechselnd im Vor- und im Nachstieg, immer in 20-Meter-Schritten, nach oben zu bewegen. Nach den ersten Metern, auf denen uns noch ein bisschen mulmig war, gewannen wir Sicherheit. Die Kletterkomandos „Seil aus, Stand, Nachkommen“ kamen wie gewohnt und wir setzten jeden unserer Schritte mir Bedacht. Erst wenn wir glaubten, dass der Eispickel sauber im Eis verankert war, bewegten wir die Füße und erst wenn wir uns sicher waren, dass die Füße sicher standen, lösten wir den Pickel.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Wir blickten nach Nord-Osten und sahen zum ersten Mal in unserem Leben den höchsten Berg der Welt, den Mt. Everest.

Um die Eisschrauben für die Stände sicher zu verankern mussten wir immer erst den Schnee, der auf dem ewigen Eis lag, mit dem Pickel entfernen. Eine langwierige und schweißtreibende Arbeit. Nach oben hin wurde der verpresste Schnee auf dem Eis immer dicker. Dort mussten wir circa 80cm tiefe Löcher graben um an das sichere Eis zu gelangen.

Dann hatten wir es geschafft, die steile Eisflanke zu überwinden. Wir waren nun auf über 6.000m und tranken einen Schwarztee mit viel Zucker und aßen ein Snickers. Inzwischen hing eine Wolke östlich des Gipfels und verwehrte uns den Blick in den Kumbu. Unsere Füße, die in der Eisflanke ziemlich kalt geworden waren, wurden wieder etwas wärmer und wir starteten in einen etwas flacheren Hang mit verpresstem Schnee. Unsere Schritte waren ziemlich klein und langsam. Immer wieder mussten wir anhalten und verschnaufen. Nach dem Hang begaben wir uns auf einen Grat. Links und rechts ging es mehrere hundert Meter fast senkrecht ergab. Links war eine verschneite Felswand und rechts ein Hängegletscher. Der Grat war immer wieder durch quer verlaufende Spalten gezeichnet. Wir hielten uns gegenseitig das Seil auf Spannung während der andere über die Spalte kraxelte. Wir arbeiteten konzentriert. Jetzt mussten wir alle 2-4 Schritte verschnaufen. Jeder Schritt war mühevoll und es kostete viel kraft und Willensstärke, nach jedem Verschnaufen wieder an zu laufen. Besondern entgeisternd war es, wenn man einen Schritt setzte und wider Erwarten in den Schnee einbrach. Dann musste man ordentlich verschnaufen und beim nächsten, viel größeren Schritt, gleich noch einmal innehalten und Kräfte sammeln. Immer wieder öffneten sich die Wolken und gaben den Blick auf einen potentiellen Gipfel frei. Als wir dann auf diesem standen, mussten wir hinnehmen, dass es nur eine leichte Erhöhung auf dem Grad gewesen war. Wir wussten nicht wie weit es noch war, denn der Höhenmesser war in dieser Höhe äußerst unpräzise. Abweichungen von über 50m waren keine Ausnahme und da das Wetter nicht besser zu werden schien, beschlossen wir, wenn der nächste potentielle Gipfel auf dem Grad nicht der Gipfel des Parchermo wäre, umzudrehen und den Sicheren Abstieg bei mäßiger Sicht zu wählen. Die letzten Meter auf diesen Vorsprung waren voller tiefem Schnee und nur Schritt für Schritt und auf dem Bauch robbend zu überwinden. Nach Luft ringend lag ich dort und schaute um mich. Es ging in alle Richtungen nur noch bergab! Wir hatten es geschafft! Wir waren am Ziel unserer Träume der letzten Monate angelangt. Wir waren auf dem Gipfel des 6273m hohen Parchermo Peak angekommen. Überglücklich wünschten wir uns gegenseitig: „BERG HEIL“. Der Blick ins Rolwaling Tal in dem wir die letzten 14 Tage verbracht hatten war frei. Zur Feier des Tages gönnten wir uns einen schönen Gipfelschnaps. Mirabellenwasser aus dem Schwarzwald…