2010 – Transpyrenäen

“Hier habe ich euch ein Paar interessante Passagen aus meinem Reisetagebuch hochgeladen. Wer nur wenig Zeit zum Lesen hat, dem empfehle ich nur Etappe 12 zu lesen (das ist die krasseste Passage). Bilder sind inzwischen auch hochgeladen.

Euer Ben”

Banyuls sur Mer – null hm

Hier beginnt meine Reise über die Pyrenäen. Ziel ist San Sebastien auf der anderen Seite des Gebirges. Mein Weg soll fast 1000km an Strecke und 30.000m an Höhenunterschieden aufweisen. Das Gepäck, welches ursprünglich viel geringer ausfallen sollte wiegt 18kg. Dafür sind eine Zeltplane und 2 Stangen, ein Stativ für die Kamera bestehend aus einem Teleskopsteckeun und einer festgetapeten Schraube als Luxus mit an Bord. Hoffentlich geht das gut. Gepäck ist beim Radfahren, besonders beim MTBiken sehr lästig, da man es trotz Vorlage des Oberkörpers auf dem Rücken transportieren muss. Dennoch fühle ich mich fit und bereit für diese kleine Expedition. Ich bin voller Vorfreude.

1. Etappe (3.9.2010)

Banyuls sur Mer – Sant Llorenç de la Muga

Die Ersten Meter führen ca. 300hm hoch zum Col de Banyuls. Es geht durch Weinreben auf einer Asphaltierten Straße. Die Landschaft ist sehr schön aber trocken und es ist seht heiß. Man hat das Gefühl in den Asphalt zu zerfließen. Auch die Steigung ist kein Zuckerschlecken. Es ist fast ausschließlich im 1. Gang zu treten und auch dieser erweist sich meist als Schinderei. Man kann von Glück reden, dass ich mich entschlossen habe 4 Liter Wasser mit zu nehmen. Vom Col de Banyuls kann man sich mit einem Blick zurück vom großen, kühlen, mediterranen Nass verabschieden und sich dann in die Abfahrt nach Espolla stürzen. Auf dieser Abfahrt erwartet einen ein recht ordentlicher Sprung (auf der asphaltierten Straße). Bei diesem Sprung fährt man in eine kleine Senke du wird dann wuchtig aus dieser Senke herausgehoben. Anschließend liegt man bei zügigem Tempo einige Meter. Ich denke mir, dass man vielleicht das 30km/h Schild auf der Abfahrt hätte beachten sollen.

Von Espolla geht es relativ eben au der Straße über Company nach Cantallops. Es empfiehlt sich diese Straße nicht in der Mittagssonne zu fahren. Ich jedenfalls empfinde über 45°C als zu heiß zum Radeln. Darum setze ich mich unter einen großen Korkbaum, der mir schattenspendet und die Situation viel erträglicher macht. Hier schreibe ich die ersten Zeilen in dieses Buch…

Ruhetag 1 (12.09.2010)

Torla- Refugio Goriz

Wieder einmal ein Morgen mit super Wetter. Ich schlafe aus, sortiere und trockne meine Sachen, dusche mal wieder und wasche meine Trikots. Alles ganz gechillt, denn es ist ja Ruhetag. Nebenher zische ich eine Dose San Migel. Herrlich prickelnd und erfrischend. Dann um ca. 14:00 Uhr mache ich mich auf in den Nationalpark von Ordesa. Los geht es mit dem Bike, dass ich an der Grenze zum Nationalpark hinter ein paar Büschen verstecke. Ich habe keine Lust umzupacken und nehme einfach alles mit. Zum ersten Mal zu Fuß auf der Reise biege ich in das Vall de Ordesa ab. Bis zu einem Parkplatz zu dem Touris für 4,50 Euro pro Nase mir dem Bus hin gekarrt werden, ist der Weg mit 2 Stunden ausgeschildert. Ich möchte es jedoch in einer Stunde schaffen, da ich nicht länger als 18:00 Uhr wandern möchte und zur Refugio de Goriz sind es noch mal 5,5h. Ich möchte nicht so lange wandern, denn heute ist ja Ruhetag. Ich gebe ordentlich Stoff und sehe auf dem Weg zum Parkplatz nicht sonderlich viel Beeindruckendes. Nach einer Stunde erreiche ich den Parkplatz und ziehe gleich daran vorbei.

Richtung „ Cola del Coballo“ einem Wasserfall am Ende des Tals. Der Weg führt bei mäßiger Steigung das Tal hinauf und man kann immer mal wieder auf eine Aussichtsplattform vorgehen  und Wasserfälle bestaunen. Ich merke gleich am Anfang, dass ich mir eine Blase an jeweils jeder Ferse laufen werde, da meine Socken total durch sind. Sie waren mal weiß und sind jetzt dunkelbraun und haben an beiden Fersen und an einem großen Zeh Löcher. Auf ca. 1700 hm öffnet sich das Tal. Es ist in der Mitte ganz eben und wird an den Seiten durch hohe steile Felswände begrenzt. Nach hinten ist das Tal durch ebenfalls so eine Felswand begrenzt. Durch die Mitte schlängelt sich ein ganz ruhiges Bächlein. Es ist „superior“ Ein Spanier sagt zu mir, das Einzige was man über dieses Tal sagen kann ist SUPERIOR. Ich fühle mich wie im Paradies. Kein Witz. Dann geht es steil durch Geröll über das Felsband am hinteren Ende des Tals hinweg zur Refugio de Goriz auf 2150 hm. Oben komme ich um 18:30 Uhr an und baue meine selbstgebastelte Zeltplane auf. Hier oben ist es Gang und Gebe zu Zelten, denn es ist offiziell erlaubt unter der Bedingung, dass man das Zelt tagsüber wieder abbaut. Während die Meisten in der Hütte speisen gibt es für mich Kartoffelbrei mit Speck und ein wenig Champignon-Creme-Suppen-Pulver. Zum Nachtisch gibt es noch Erdnüsse, Schokolade und ein paar Müsliriegel. Dann schreibe ich noch 2 Stunden lang und komme um 23:00 Uhr zur Ruhe.

Ruhetag2… und ein bisschen von Etappe 10  (13.09.2010)

Refugio Goriz – Monte Perdido – Bergua

Es ist kalt auf 2200 m. Ich liege mit meinem Schlafsack im Biwaksack und mir ist schon ein wenig kalt. Immer wieder wache ich auf und schaue durch die kleine Öffnung an meinem Biwaksack nach draußen. Immer noch Nacht. Die Sterne leuchten hell und man erkennt die Milchstraße sehr deutlich. Dann irgendwann eine Stimme. Jemand an der Hütte ist wach. Es ist morgen und die Sterne verblassen schon ein wenig. Ich stehe sofort auf und packe meine 7 Sachen zusammen. Das Meiste werfe ich nur auf meine Zeltplane. Anschließend binde ich die Zeltplane mit Hilfe einer Zeltschnur zu einem Sack zusammen und deponiere ihn unweit des Weges. Dann stiefel ich los. Es ist immer noch kalt. Ich laufe mit Fließ und Softshelljacke. Mein Tempo kommt gut an das von gestern ran. Die Socken von gestern habe ich kurzerhand in die Mülltonne gedrückt. Jetzt bin ich nur noch mit einem Paar Socken unterwegs. Dieses ist jedoch etwas hochwertiger als das Andere. Vor mir läuft eine andere Gruppe mit 2 Mann. Die sollte ich aber bei dem Tempo schnell eingeholt haben, denn so war es auch gestern. Der Aufstieg geht von der Hütte ein Stück nach Osten und dann direkt in Richtung des Sattels, der nördlich des Gipfels liegt. Der Weg ist gut zu begehen und die Höhenmeter purzeln. Aber es ich auch nicht langweilig. Immer wieder kommen etwas überspitzt gesagt „ klettrige“ Passagen. Kurz vor dem Sattel sind einige aus Stein aufgehäufte Windbarrieren für Biwakierende. Tatsächlich sind gerade auch 2 Leute in dicken Daunenjacken beim Frühstücken. Wir befinden und jetzt auf ca. 3000 Meter Höhe. Hier ist auch ein wunderschöner klarer See. Man geht jedoch nicht bis in den Sattel sondern direkt kurz vorher zum Gipfel also nach Süden ab. Es geht noch ein Geröllfeld hinauf und dann steht man auf einem Mondlandschaft ähnlichen Vorgipfel. Sogar jetzt ist die Aussicht schon hervorragend. Vom Gipfel aus ist sie dann noch besser. Man sieht den ganzen Ordessa Nationalpark und noch viel mehr. Man sieht (so hat man das Gefühl) die ganzen Pyrenäen. Welch ein geniales Ziel für das Bergfest ( in doppeltem Sinn) meiner Reise. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben als Erster auf einem bedeutenden Gipfel. Es ist ein grandioses Gefühl. Ich genieße die Aussicht eine geschlagene ¾ Stunde bevor die ersten Anderen ankommen.

…überraschender Besuch…

Einige Minuten später finde ich einen Schlafplatz mit richtig guter Aussicht und beschließe zu bleiben. Ich koche Kartoffelbrei mit Speck. Was für ein Segen es ist sich voll zu fressen. Egal ob man das Gericht schon 5 Mal hatte oder nicht. Es macht nichts aus. Man will einfach nur noch Energie aufsaugen. So viel wie möglich. Ich lege mich in meinen Biwaksack und verzichte mal wieder auf ein Zelt.

Ein grunzendes Geräusch nähert sich. Das Tier läuft immer 2- 3 Schritte in meine Richtung, hält dann inne und grunzt. Ich habe bestimmt  5 Minuten nicht mehr geatmet. Als es bis auf 3 Meter an mich heran gekommen war, mein Herz schlägt kurz bis zum Kehlkopf, Schalte ich meine Stirnlampe ein. Vor mir steht ein 1 A Wildschwein. Als es das Licht sieht rennt es um sein Leben. Das beruhigt mich ein bisschen. Ich habe ein sehr mulmiges Bachgefühl, beschließe jedoch zu bleiben. In diesem Tal gibt es 3-4 Kühe, die die ganze Nacht alle Minute einmal laut stöhnen und schreien. Das ist zwar zum Einschlafen nicht sonderlich förderlich, doch ich bin sehr müde.

Etappe 12 (16.9.2010)

Zurzia- Orreaga (Roncesvalles)

Es regnet. Die Tropfen prasseln auf meine Zeltplane als ich aufwache. Ich hatte gut geschlafen. Heute tickt die Uhr etwas langsamer, denn ich möchte nur eine Etappe fahren und erst einmal abwarten ob es nicht aufhört zuregnen. Also chille ich mich in die Bar des Campingplatzes und trinke 2 Cafes während ich schreibe. Um 12 breche ich dann auf. Mein Vorderreifen hat fast keine Luft mehr. Ich muss ihn immer wieder aufpumpen. Dann nervt mich die Pumperei und ich will den Schlauch flicken. Normalerweise ist das eine Sachen von 10 Minuten, doch im Regen ist es schier unmöglich – wenn nicht sogar ganz unmöglich einen Schlauch zu flicken. Zum Glück habe ich immer einen Ersatzschlauch in der Satteltasche. Nach einer geschlagenen halben Stunde fahre ich dann weiter. Der Track nach Izaba ist für Mountainbiker sehr interessant zu fahren. Er ist zu vergleichen mit einem Wanderweg im Schwarzwald mit einigen Wurzeln. Da es regnet und der Pfad schräg am Hang verläuft rutsche ich immer wieder über die Wurzeln ab und schaffe es häufig nur dank sehr uneleganter Bewegungen mir das Stürzen zu ersparen. Zudem bleibe ich fortlaufend mit meinem Ruchsack an tief hängenden Ästen hängen. Das Ganze wird mir irgendwann zu bunt und ich beschließe als es sich gerade anbietet die Straße nach Izaba zu nehmen.Von Izaba aus, fährt man 2 Pässe ( Richtung Uztarroz) auf Asphalt. Oben am 2. Pass geht es dann abwärts auf einer Pista zum „Irabiako Ukarka“.

Die Navigation bereitet mir heute eine schwere Zeit. Hatte ich sonst doch immer ein sehr gutes Gefühl für Distanzen und Höhenmeter, so fehlt mir heute einfach das Feingefühl. Jede Strecke die ich fahre kommt mir genau doppelt so lang vor, als auf der Karte ausgewiesen. Mittags stelle ich mich dann einfach darauf ein und sage mir immer, wenn ich das Gefühl habe dass ich einen Abschnitt von der Distanz fast geschafft habe, dass ich erst bei der Hälfte sei. Das Ganze funktioniert recht ordentlich. Ca. 2 km vor dem „Embalse de Irabia“ steht eine kleine Hütte. Wie ich vermute so eine Art Grenzhütte zum Naturschutzgebiet sowie eine Informationsgelegenheit für Touristen. Trotz, dass ich schon ziemlich durchnässt bin mache ich eine Pause um zu essen, denn ohne Benzin fährt mein Motor irgendwann nicht mehr. Zu Essen gibt es von meiner Lieblingssalami (einer Salami, die sich in den letzten 2 Wochen als die Beste herauskristalisiert hat) und Toastbrot. Dieses Brot ist nicht gerade ein Segen. Es war schon 2 Tage in meinem Rucksack und hat nun die Form einer Kugel, die ungefähr ein Drittel des Volumens von normalem Toastbrot hat. Ich esse schnell, da ich friere wie ein Schlosshund. Als ich wieder auf mein Bike aufsitze ist es vor Kälte kaum auszuhalten. Daher düse ich wie eine gesenkte Sau über den Waldweg die nächsten 2 km zum See. Hätte mich einer gesehen, hätte er sicherlich gedacht, dass ich völlig übergeschnappt bin. Dann entsteht so langsam wieder das feuchtheiße Klima unter meiner Regenklamotte, welches ich anstrebe. Der Weg von dem See ist eben und sehr leicht zu befahren. Hin und wieder steht man zwischen den Bäumen durch auf den See, der mich an dem Milford Soond am Ende des Milford Tracks in Neuseeland erinnert. Nun geht es über eine betonierte Straße ein gutes Stück bergauf, bis man in Larrako ankommt. Von hier ist es nur noch ein Pass bis nach Orreaga, was mich sehr glücklich macht, denn im Regen ist alles doppelt so weit. Vielleicht habe ich auch deshalb diese Schwierigkeiten mit der Navigation. Orrega ist übrigens der baskische Name dieser Ortschaft, die auf spanisch Roucesvalles heißt. Ich quäle mich die letzten Meter nach oben. Irgendwie hat das Ganze kein Ende. Es geht immer weiter nach oben. Da ich heute nicht sonderlich gut Distanzen einschätzen konnte fahre ich weitrer. Zusätzlich gibt es mir ein wenig Sicherheit, dass ich die Spuren von Mountainbikern im aufgeweichten Waldboden erkenne. So langsam bin ich mir jedoch sicher, dass ich falsch bin. Da der Weg ordentlich zu befahren ist und er auch verrät, dass hier schon einmal Autos gefahren waren, fahre ich weiter in der Hoffnung, dass er irgendwo anderes wieder herauskommt. Ich befinde mich schätzungsweise auf 1300 m als der Weg immer schlechter wird. Außerdem dreht der Weg ab und an von Norden nach Osten, obwohl mein Ziel eigentlich im Westen liegt. Da der Weg jedoch dazu tendiert nach Nord-Westen abzudrehen und ich wohl schon eine Stunde auf dem falschen Weg gefahren war, beschließe ich weiter zu fahren. Ich vermute mich an einer Stelle, die nicht mehr auf meiner genauen Karte zu sehen ist. Meine ungenaue Straßenkarte verrät mir nichts. Der Weg auf dem ich bin, ist sicherlich nicht auf dieser Karte eingezeichnet. Der Weg dreht ganz nach Westen ab und ich fahre weiter. Vor allem, weil ich nicht alles zurück fahren, dann noch mal den richtigen Weg suchen, noch mal 100 km machen und dann im dunklen abfahren möchte. Die Beschaffenheit des Weges ist inzwischen miserabel. Es ist ein vollkommen überschwemmter Trampelpfad, den wohl ein paar Kühe vor mir genutzt hatten. Die Kühe hatten auch ihre Tretmienen hinterlassen und ab und an trete ich in eine dieser wohlriechenden Haufen. Umdrehen möchte ich jetzt erst recht nicht mehr, denn inzwischen liegen 1 Stunde Waldweg und 30 Minuten Matschpfad , der nur zu Fuß zu begehen ist hinter mir. Unheimlich, wie der Nebel hier im Wald steht. Es dämmert und in wenigen Minuten wird es dunkel sein. Ich sehne mich nach einem warmen, geborgenen Plätzchen, an dem ich meine Sachen trocknen konnte, etwas hinter die Kiemen schieben konnte… Mist! Jetzt geht dieser Weg auch noch bergab… wieder überlege ich ob ich nicht umdrehen sollte und den bestimmten, aber sehr langen Weg auf mich nehmen soll. Die Beschaffenheit des Weges wird noch schlechter. Hier sind sicherlich keine Kühe mehr gegangen. Wildwechsel. Die Tiere des Waldes sind einiges geländegängiger als ich. Mein Fahrrad, dass mich so viele Kilometer getragen hatte, wird zur Last. Immer wieder rutsche ich ab. Häufig muss ich mein Fahrrad nehmen, mit einer Wucht über mir an den Hang werfen und mich selbst daran hinter herziehen. Dabei vertraue ich immer darauf, dass sich die Pedale fest genug in den Waldboden krallen, sodass ich nicht mit samt dem Fahrrad ins Rutschen komme. So langsam bin ich am Ende meiner Kräfte. Inzwischen ist es stock dunkel. Der nahezu Vollmond der eigentlich am Himmel leuchten sollte, ist nicht zu sehen. Der Nebel ist zu dicht. Seit einiger Zeit laufe ich jetzt nach Süden, da es, wenn ich meine Position richtig einschätze, hier am wahrscheinlichsten ist, auf einen Weg zu treffen. Die Bäume werden kleiner und es kommt immer mehr Gestrüpp hinzu. Wieder einmal rutsche ich ab und stöhne entkräftet auf. Ich bin mitten in der Pampa. Es gibt keinen Weg weit und breit, es ist kein Licht einer Siedlung zu erkennen. Mein Rucksack bleibt jetzt alle paar Schritte in den Ästen hängen. Äste schlagen mir auch immer wieder ins Gesicht. Das Alles ist sehr entmutigend. Hoffentlich bedeutet diese Zunahme an Gestrüpp auch gleichzeitig, dass noch weiter oben gar keine hohen Pflanzen mehr stehen. Der Kampf nach oben hat jetzt schon fast eine Stunde gedauert. Abrutschen, schmerzende Muskulatur und vor Allem die Ungewissheit ob ich die nächste Stunde noch zurück in die Zivilisation komme, machen meine Situation kaum erträglich. Ein Bach. Vielleicht geht es im Bach einfacher bergauf als im Gestrüpp, denke ich und versuche mein Glück. Ich bin ohnehin vollkommen durchnässt. Doch kalt ist mir nicht. Mir läuft der Schweiß. Es ist zwecklos. Der Bach stürzt sich immer wieder ganze Meter in die Tiefe. Ich muss wieder ins Gestrüpp ausweichen. Hätte ich doch vorhin schon umgekehrt.

Endlich lichtet sich das Gestrüpp und ich stehe in ca. kniehohen widerspenstigen Büschen. Tragen kann ich das Fahrrad hier nicht, da ich sonst abrutsche. Ich schiebe das Fahrrad mit aller Kraft. Die kleinen Büsche bauen Spannung auf und wenn sie groß genug sind geben sie mein Vorderrad frei und mein Fahrrad rollt einen Meter. Dann kann ich mich an den Büschen hinter herziehen. Ich hoffe sehr, dass ich von oben die Lichter einer Stadt erkennen kann. Doch kaum habe ich dieses Gedanken gefasst zieht noch dichterer Nebel auf. So dicht, dass ich mit meiner Stirnlampe lediglich den Boden, auf dem ich gerade stehe, erkenne, jedoch nicht was einen Meter vor mir ist. So langsam finde ich mich damit ab, dass ich wohl noch so weit gehen werde wie es mir möglich ist und dann im Biwaksack einige Stunden überdauern werde, um wieder zu Kräften zu kommen.

Dank einer Skitour mit meinem Vater, bei der wir auch in eine derartige Situation gekommen waren weiß ich, dass wenn ich ganz langsam gehe, meine Kräfte noch ein wenig halten werden. Der Wind nimmt zu und ich hoffe, dass das bedeutet, dass der Gipfel nicht mehr fern ist. Die Stirnlampe ist nun eher hinderlich, da der Nebel das Licht reflektiert und man nur noch in eine weiße Wand läuft. Hoffentlich bin ich an der Nordflanke zum 1570 m hohen „Ortzanturieta“. Ich hatte sicherlich 400 hm in Richtung Süden gemacht. Der Gipfel egal welcher war bzw. konnte nicht weit sein.

Dann trete ich auf flachen Boden. Eine Sekunde der Hoffnung. Ich schalte meine Stirnlampe ein und schaue auf meine Füße. ASPHALT! Ich stehe tatsächlich auf Asphalt. Ich könnte losheulen vor Erleichterung – strahle bis über beide Ohren.

Mein warmes Fleckchen für die Nacht ist gesichert. In einer der beiden Richtung in die diese Straße führt muss Zivilisation sein. Bestimmt bin ich am Ortzanturieta. Dieses Mal ist es mir herzlich egal, dass ich sicherlich 10 Meter unter dem Gipfel stehe. Meine Karte verrät mit, dass ich nach Westen muss, sollte ich da sein wo ich denke zu sein. Es geht bergab. Der Nebel lässt es nicht zu schneller als Schritttempo zu fahren.

Was wenn eine Serpentine kommt und ich sie nicht rechtzeitig erkenne? Langsam, aber sicher ist die Devise. Mir ist schrecklich kalt. Jetzt muss ich mich nur noch konzentrieren. Kraft brauche ich nicht mehr. Die Sicht wird besser und der Nebel gibt den Blick auf Orreagen frei. Dann ein tolles Bild – wie ein Sternenhimmel sieht es aus, wenn man nachts mit Stirnlampe durch eine Schafherde fährt. Sagenhaft! Das Vergnügen ist nur von kurzer Dauer.

Dann friere ich meinen Weg nach Orreaga.

Geschafft! – Der Campingplatz besteht aus lauter Wohncontainern wie man sie von Baustellen kennt. Die Besitzer des Campingplatzes, Holländer, sehen mir die Erschöpfung an, ich bekomme einen eigenen Container zu gewiesen. Gleich bekomme ich auch erklärt wie man länger als normal warm duschen kann. Ich dusche, hänge mein Zeug auf, drehe die Heizung des Containers voll auf (ja er hat eine Heizung!!!) und koche mir etwas zu essen(Kartoffelbrei), dass ich im Schlafsack kurz vor dem Einschlafen wegschlemme.

… Die letzten Meter…

Dann schwinge ich mein wundes Hinterteil noch einmal für eine letzte Teiletappe auf der „ Transpyrinaica“ auf  den Sattel. Zuerst fahre ich ab, dann noch mal bergauf bis ich zum ersten mal seit 2 Wochen das Meer sehe. Die ganzen Pyrenäen habe ich gesehen. Jetzt habe ich es wirklich fast geschafft. Ich muss lachen und strahle bis über beide Ohren. So unendlich geil! Wenn ich auf der ganze Reise nichts erlebt hätte, wäre es jetzt der Augenblick wert gewesen, all diese Anstrengung auf sich zu nehmen. Das steht jetzt schon fest. Von diesem Moment der bedingungslosen Freude beflügelt fällt mir das Radeln erheblich leichter. Aber von der Stelle an der ich war geht es ohnehin erst einmal bergab. Es ist ein SingleTrail und das Wetter ist jetzt 1A.

Ich genieße diese Meter. Bergauf geht es dann auf Asphalt. Es ist so steil und ich heize ordentlich. Ich will jetzt ankommen, ein paar schöne Bilder am Meer in der Sonne schießen und ein kühles Bier trinken. Die Luft in meinem Reifen wird jedoch immer weniger. Kurz bevor ich an der allerletzten Anhöhe ankomme geht es nicht mehr weiter. Der Reifen will geflickt werden. Das komische ist, dass es einmal wieder das Vorderrad ist. Das Loch ist so klein, ich finde es aber schnell. Das Vulkanisierungsmittel wirkt bei diesen Temperaturen zügig und nach wenigen Minuten sitze ich wieder im Sattel. Da die Pumpe, die ich in Seira von dem deutschen Ehepaar geschenkt bekommen habe nicht sonderlich effizient ist, pumpe ich nur 2/3 voll, also so 200 Hübe der Pumpe. Das entspricht wahrscheinlich 2 bar. Kurz drauf habe ich den letzten nennenswerten hohen Punkt erreicht. Noch ein kleiner Freudens-Energieschub schießt durch meinen Körper – Ich heize wie die gesenkte Sau über die nächsten 2 ebenen Kilometer und stürze mich dann in die schottrige und steinige Abfahrt. Dann ein großer Schlag und -  mit dem Ziel vor Augen – noch ein Platten im Vorderrad.

Durchschlag, so die Vermutung. Ich bremse scharf und muss mit ansehen wie meine ungeschützte Vorderradfelge noch ein paar kleinere Schläge einstecken muss. Zum Glück bliebt sie heil, 4 Löcher in einem Schlauch sprich 2 Durchschläge lassen sich schnell auffinden. Ich repariere den Schlauch, der schon ziemlich mitgenommen ist, mit 3 Flicken und versuche dann aufzupumpen doch es geht nicht. Noch ein einzelnes Loch unweit von den anderen Löchern. Auch das flicke ich bis es dann endlich weiter gehen darf. Dann komme ich in Irun an und bestreite die letzten Meter durch Hondarribia, die zugegebener Maßen nicht sonderlich schön sind, da man auch ein kleines Stück auf großer Straße fahren muss. Im Anschluss fährt man dann am Strand entlang, schiebt sich über 40 hm noch oben und ist….

!DA! -Einfach DA! Am Capo Higer (0 Höhenmeter) an dem ein schöner Leuchtturm steht. Die Sonne legt ein glitzerndes Band über den unendlich weiten Atlantik. Ein Segelboot liegt in einer Bucht die einem schroffen Fels vorgelagert ist. Ein Bänkchen mit Blick aufs Meer lädt mich ein auf 2 Bier die ich im Rucksack für diesen Moment mitgenommen hatte und auf 1,5 Tafeln Schokolade. Ich genieße und lasse die letzten 14 Etappen in denen ich 1070 Km und 28000 hm gefahren noch einmal revue passieren. Ich glaube so viel habe ich noch nie in so kurzer Zeit erlebt. Die Pyrenäen sind ein so schönes Stückchen Erde und es ist unserer Heimat so nahe. Mir war das so vorher nicht bewusst. Ich bin sehr glücklich und denke mir: „Vielleicht war das gerade DIE REISE deines Lebens“…. Vielleicht?!