2010 – Biwak im Rätikon

Mit dabei: Vincent Ehrmann, Benjamin Michelfelder, Christian Richardson

Biwak? Was ist Biwak? Ein schwerer Rucksack mit Kocher, Isomatte, Essen für mehrere Tage und folglich Strapazen? Ja, aber auch noch viel mehr! Absolute Freiheit, d.h. so lange laufen wie man will, dort schlafen wo der Sonnenuntergang am schönsten ist, gemeinsam das “hochgetragene” Essen genießen, welches nun noch viel besser schmeckt und vor allem die Freiheit in der Gruppe ungestört genießen können. Das alles ist Biwak. Keine Hütte, kein teures Essen, keine unangenehmen Nachbarn im Matrazenlager, keine Bettruhe.

Da Ben, Vinc und ich bereits den Gran Paradiso und das Bishorn bestiegen hatten und wir ein paar freie Tage bis zur Vereinswanderung in den Alpen überbrücken wollten, war es Zeit endlich mal im Biwak unser Skitourengebiet (PP ’08 und PP ’10) im Sommer zu erkunden.

Tag 1:

Nachdem wir uns von Pascal, Bene und Chris nach der Bishorn-Tour verabschiedet haben, fahren wir noch einige Stunden in Richtung Rätikon weiter. Nach insgesamt 3 nächtlichen Fahrerwechseln und der Autoüberquerung von mehreren Pässen halten wir völlig erschöpft neben einem Logistikzentrum des österreichischen Bundesheeres und legen uns in das nasse Gras. Völlig übermüdet schlafen wir ein.

Ein paar Stunden später wachen wir in durchnässten Schlafsäcken auf, frühstücken kurz (irgendwo finden wir noch etwas Brot, ein Glas Marmelade und natürlich Kekse) und fahren weiter bis zu unserem Startort Vandans. Hier kaufen wir alles Benötigte ein und planen spontan unseren Speiseplan für die nächsten Tage. Mit dabei natürlich 1,5l rote Blutkörperchen pro Person und diverse andere Snacks. Kurz vor unserem eigentlich Start entdecken wir dann noch einen Hähnchenmann, bei dem sich jeder erstmal eine ordentlich Mahlzeit gönnt. So ein Hähnchen gibt einfach nochmal richtig Kraft!

Der Aufstieg. Auf der altbewährten Route der Powderparty 2010 steigen wir unserem ersten Schlafplatz entgegen. Das Ziel heißt Gipsköpfle auf 1975m Höhe. Unterwegs überholen uns mehrere Fahrzeuge, deren Insassen (Wanderbus…) uns freundlich aber für verrückterklärend zunicken. Das Angebot eines Jeepfahrers, uns ein Stück mitzunehmen, lehnen wir dankend ab. Nach einiger Zeit machen wir Rast und genießen den herrlichen Blick. Das Rätikon ist im Sommer mindestens genauso schön wie im Winter! Eine Stunde später haben wir eine Alpe mit etlichen Kühen passiert und müssen leider Wasser aus einem Kuhschiss-verseuchten Bach auftanken, da sich keine andere Alternative anbietet. Kurze Zeit später erreichen wir das Gipsköpfle. Mit unserer zur Biwakplane umfunktionierten Zelthülle und unseren Wanderstöcken basteln wir uns ersteinmal ein…Zelt. Was für ein Erfindergeist!

Ein paar Minuten später haben wir schon den ersten Liter von unserem Kuhschisswasser abgekocht und beginnen mit den Vorbereitungen für das Abendessen. Nach etlichen Nürnberg Rostbratwürsten – über dem Gaskocher gegrillt – legen wir uns glücklich schlafen. Eng aneinander, da es jetzt plötzlich regnet und unsere Plane/Zelt nur begrenzt breit ist.

Tag 2

Heute wollen wir den Saulakopf über den Saulakopfklettersteig erklimmen. Auch dieser Berg ist uns bekannt. Mussten wir die Besteigung im Winter aufgrund schlechten Wetters enttäuscht abbrechen, erwartet uns dieses Jahr jedoch blauer Himmel und Sonnenschein. Nach dem ausgiebigen Frühstück (Müsli mit Milchpulver und frisch abgekochtem Kuhschisswasser) brechen wir auf. und nach einem Abstecher zur Heinrich-Hüter-Hütte (“Im Sommer ist der Wirt entsetzt, falderideralala…”), bei dem wir unsere Frischwasservorräte aufstocken, erreichen wir nach kurzem Aufstieg auch schon den Einstieg des Klettersteigs, legen die Ausrüstung an und kraxeln los. Nach anfänglicher Nervosität (der Anfang ist ausgesetzter als erwartet) klettern wir mit Genuss dem Gipfel entgegen und genießen den Ausblick. Nach der erfolgreichen Besteigung surfen wir glücklich auf den Kieshängen des Berges wieder hinunter zu unserem Biwakplatz und packen unsere schweren Rucksäcke. Unser nächstes Ziel ist der Lünersee.

Als wir den See zum ersten Mal erblicken sticht uns sofort eine kleine Halbinsel ins Auge. Die Schlafplatzfrage hat sich somit auch geklärt. Nachdem wir die letzten Sonnenstrahlen für ein erfrischendes Bad genutzt haben, legen wir uns unter unserem Segel (die “Zelt”form variiert jeden Tag) in unsere Schlafsäcke und kochen ein herzhaftes Sugo mit alten Salamiresten.

Tag 3

Da wir noch nicht so recht wissen, wie wie weit wir heute eigentlich laufen wollen, das Wetter wunderschön ist und wir ein Halbseil dabeihaben, dass wir ansonsten wahrscheinlich für nichts gebrauchen werden, üben wir die Spaltenbergung eines Kameraden mit Hilfe der losen Rolle.
Nachdem jeder einmal “gestürzt” war, brechen wir auf und begeben uns wieder in Richtung Schweizer Tor, das wir nach einigen Stunden Marsch erreichen. An einem schattenseitigen Schneefeld füllen wir unsere Wasservorräte auf und lassen unser Gepäck stehen, um uns mit Klettergurt, Klettersteigset und Steinschlaghelm auf die Durchquerung des “Schweizer Tor Klettersteigs” zu machen. Dieser soll von der Schweiz irgendwo durch die Ausläufer der Kirchlispitzen hindurch über die Grenze hinweg nach Österreich führen.
Nach einem kurzen Abstieg auf die schweizer Seite hinab, laufen wir wieder Richtung Westen und halten uns dabei überhalb des Weges, um nicht über Geröllhalden zum Klettersteig aufsteigen zu müssen. Nach einiger Zeit und einigen Kraxelstellen stellen wir fest, dass dieser Klettersteig scheinbar nicht existiert.
Wiederrum surfend rutschen wir die Geröllfelder hinab und laufen auf dem Normalweg wieder Richtung Schweizer Tor, wo wir unser Nachtlager aufschlagen.
Mit grandiosem Blick über das Rätikon schiebt sich der Vollmond hinter dem Schweizereck hervor, an dem sich tagsüber noch die Kletterer in Mehrseiltouren verausgabt hatten. Allerdings besorgen uns die herannahenden Gewitterwolken, da auf einem exponierten Pass unsere Wanderstöcke, die wir für unsere Dachkonstruktion verwenden, hervorragende Blitzableiter darstellen. Glücklicherweise ziehen die Wolken über uns hinweg und entladen sich in atemberaubenden Blitzen einige Kilometer hinter uns auf der österreicher Seite.

Tag 4

Ausgehend von unserem Schlafplatz starten wir in Richtung Carschina Hütte. Auf dem gemütlichen Höhenweg sind wir innerhalb von 2 Stunden an unserem Ziel angelangt und genießen erst einmal Bergkäse, Wurst und Brot. Im Gespräch mit der Hüttenwirtin erfahren wir, dass am Tag zuvor ein riesiges Stück Fels aus der Sulzfluh (Berg hinter der Hütte) im Bereich einer Kletterroute ausgebrochen ist. Wir können die Überreste des Brockens am Fuß der Wand erkennen und sind erleichert, als wir erfahren, dass niemand verletzt wurde. Ursprünglich hatten wir für diesen Tag die Besteigung der Sulzfluh über den Klettersteig geplant. Das Wetter wirkt jedoch nicht stabil und ein paar Locals vor der Hütte raten uns von der Begehung ab. Daraufhin beschließen wir weiterzuziehen und unser Biwak, die Zollhütte hinter dem Drusentor (siehe PP 2008) zu beziehen. Während wir zum Grat hochsteigen fragen wir uns wie die kleine Hütte wohl aussehen wird, da wir sie als angenehmes Hüttchen in Erinnerung haben. An unserem Ziel angekommen müssen wir jedoch sofort feststellen, dass dem nicht mehr so ist. Das Dach wurde offensichtlich von einem Sturm weggerissen und liegt 50m weiter total zerstört in einer Senke. Das spärliche Mobiliar der Hütte hat auch gelitten. Dort wo zuvor eine Bank und ein Tisch standen sind nur noch feuchte Holzreste zu erkennen, die Bodenplanken sind völlig durchweicht und modrig. Da wir jedoch genug Zeit haben ist unser neues Ziel die Hütte wieder aufzubauen und einigermaßen bewohnbar zu machen. Wir schichten die Fenster mit Steinen zu und bauen aus den verbliebenen Brettern die Bank und den Tisch wieder auf, denn zum Abendessen gibt es Nudeln. Da wir jedoch an diesem Tag keinen Gipfel bestiegen haben bleibt uns jedoch noch genug Zeit bis zum Abendessen, was uns dazu verleitet eine neue Beschäftigung zu suchen: Wer trifft mit einem Steinwurf das aus der Wand herrausstehende Kaminrohr des Ofens zu erst von verschiedenen Ausgangspunkten und dann wer trifft in das Kaminrohr und dann wer schafft es die größte Delle in das verrostete Kaminrohr zu werfen und dann gibt es Essen.

Nach unserem exquisiten Abendmahl entdecken wir unsere verbliebenen Rotweinvorräte wieder und beschließen für die Etappe am nächsten Tag unser Marschgepäck noch einmal drastisch zu reduzieren. Zwei Stunden später haben wir genug rote Blutkörperchen getankt um nochmal zum Drusentor (oder im Volksmund DrusaTOR) und hinüber zu Carschina Hütte zu wandern. Eine halbe Stunde später sitzen wir bereits in der gemütlichen Hütte und genießen schweizer Calanda (Bier) und packen die Liederbücher aus. Alle anwesenden Gäste begutachten uns mit Entsetzen, Verwunderung und natürlich mit Bewunderung während wir fröhlich ein Ständchen nach dem anderen trällern. Am Ende des Abends lernen wir als Belohnung noch die Hüttengehilfin Tilli aus Berlin kennen, die zwar super gerne in den Bergen ist, es mit dem Wandern nach eigener Aussage aber nicht so hat…Trotzdem ein genialer Abend an dem wir uns gegen 12 Uhr nachts zurück über das Drusentor in unserer Biwak begeben. Glücklicherweise ist unser improvisiertes Dach nicht dicht und es beginnt zu regnen, doch selbst diese Umstände hindern uns nicht an unserem verdienten Schlaf.

Tag 5

Ich (Chri) wache auf nachdem es mittlerweile nicht mehr auf meinen Schlafsack tropft sondern mir ins Gesicht und schaue mich um. Das Wetter hat sich nicht verbessert, es regnet immernoch in Strömen und alles was nicht in Plastiktüten ist, ist zumindest feucht. Nachdem Ben und Vinc auch aufwachen beschließen wir in einer Schönwetterpause so schnell wie möglich ins Tal abzusteigen. Nach einem kurzen Radlerstop an der weiter unten gelegenen Lindauer Hütte (komischerweise im Sonnenschein) machen wir uns auf der Fahrstraße auf in Richtung Tal. Nach quälenden 2 Stunden auf Schotter/Asphalt erreichen wir einen Stausee/Betonwüste, welcher mit Touristen bevölkert ist. Wir beschließen nicht länger auf der Straße hinunter zu laufen sondern erkundigen uns an der Seilbahn nach Preisen für eine Talfahrt. Hier eröffnet man uns, dass wir sehr gerne die Sommerrodelbahn (bzw. AlpinCoaster) nutzen können. 20 Minuten später sind wir ins Tal geschossen(die Fahrt dauert ca. 3min) und genießen vor dem Spar in Vandans unser Leberkäsweck. Unser Ziel heißt jetzt Oberstdorf, wo wir unsere Freunde für die Vereinswanderung treffen werden. Eine geniale Biwaktour mit unglaublicher Aussicht geht zu Ende und wir wissen, dass es nicht die Letzte war.