2011 – Watzmann Überschreitung

Watzmann Überschreitung 15. – 17.07.2011

Höhenangsttherapie oder Anstrengung, Angst, Adrenalin und Ausblicke

Donnerstagmorgen – Startpunkt der Watzmann Überschreitung ist wie so oft die Kreuzung Gerwigstraße/Veilchenstraße in der Karlsruher Oststadt. Alle sind mehr oder weniger pünktlich da und nachdem alle ihre Ausrüstung im Auto verstaut haben, geht es noch kurz zur Bäckerei Visel um den Kaffee- und Brotbedarf der hungrigen Bergsteiger zu stillen. Alle sind bestens gelaunt, träumen schon von der Überschreitung des Watzmanns, der ihnen mit Bildern und Berichten schon schmackhaft gemacht wurde. 6 Uhr, wir starten auf die Autobahn in Richtung München/Berchtesgaden. Um die Fahrt zu verkürzen wird noch der PowderParty Soundtrack eingelegt und los gehts. Innerhalb von wenigen Minuten ist jeder im Partymodus, es wird mitgesungen, alle sind heiß. Eine Stunde nach Abfahrt: Der Soundtrack läuft immernoch auf Vollgas, das erste Frühstück und der Kaffee sind verdrückt und die Mehrheit der acht Mitfahrer im Stadtmobilbus liegt mit dem Gesicht an der Scheibe oder dem Kopf im Nacken und schläft friedlich, sabbernd. Beste Voraussetzungen also für eine perfekte Tour.

Fünf Stunden später stehen wir auf dem Rewe Parkplatz in Berchtesgaden. Es folgt ein weiterer Bäckerstop, Philipp N. leiht sich einen Helm im Alpincenter und schon sind wir auf dem Weg in Richtung Parkplatz Königsee, unserem Ziel. Dort wird nicht lange gewartet, die Trinkblasen werden aufgefüllt, die Kleidung gewechselt und die Ausrüstung in die Rucksäcke gepackt. Die meisten von uns waren schon gemeinsam auf Tour, doch diesmal gibt es zwei Neulinge: Marc und Fabi. Beide sind schon völlig heiß, doch als echter Dortmunder kennt Marc die Berge bisher nur vom Skifahren und von der Postkarte. Doch die Dortmunder Klappe gibt zu signalisieren, dass kein Berg zu hoch und kein Weg zu weit ist. Dass sein riesiger Rucksack mit Klamotten für eine dreiwöchige Tour eventuell zu schwer sein könnte übersieht bzw. überhört er, zur Vorfreude der gesamten Mannschaft, gekonnt. Er kontert sogar mit einer alten Bundeswehranekdote: Dem Fußbus, der jeden noch überall hingebracht hat. Da dieser kostenlos ist, beschließen wir alle gemeinsam einzusteigen und schon geht es auf einem gemütlichen Fußweg hinauf zum Einstieg des Grünstein Klettersteigs. Dieser wird uns die ersten 600 Höhenmeter Aufstieg zur Watzmannhaus abnehmen.

Am Einstieg des Klettersteigs wird nicht lange überlegt und die schwere Variante des Steigs gewählt. Diese spielt sich im Schwierigkeitsbereich D-E ab (maximal ist F, das ist dann eine steile, überhängende Wand mit schlechten Tritten und einem Seil an dem man sich hochzieht). Glücklicherweise wird die einfache Variante den ganzen Aufstieg lang erkennbar sein und sich so mancher nach dieser Variante sehnen. Diese Gefühle sind jedoch irrelevant, denn wir sind ja im schwierigen Teil und es gibt nur einen Weg, der nach oben!

Trotz holpriger Geländefahrt mit dem Fußbus schaffen es alle durch den Klettersteig. Das Adrenalin, welches aufgrund der Überproduktion anstatt Schweiß austritt, verdunstet unmittelbar nach der Ankunft am Gipfel des Grünstein und wir rüsten uns mit einem ordentlichen Schluck aus dem Flachmann für den weiteren Aufstieg zur Hütte. Wir erreichen das Watzmannhaus um kurz nach 20:00 Uhr abends und bekommen „leider“ nur noch Chili Con Carne, da die Küche bereits geschlossen hat. Neben uns am Tisch sitzen drei Nordlichter, die den Aufstieg ohne Klettersteig gewählt haben und sich bereits seit 14:00 Uhr mit Schnaps gegenseitig schön trinken. Vinc lüftet noch das Geheimnis seines schweren Rucksacks und präsentiert die 5L Dose Bier an der wir kurz vor dem Schlafengehen noch etwas nuckeln. Da wir eine relativ große Gruppe sind und mit einem langen Tag rechnen, haben wir den Wecker auf 04:00 gestellt um ausreichend Zeit für unsere Tour zu haben.

Aber halt – Ben M. unser tapferer Mitstreiter fehlt noch. Er kündigt sich für 01:00 Nachts auf der Hütte an. Dass er den Aufstieg in 2,5h anstatt 3,5 macht und das ohne Stirnlampe, weil er seine nicht finden kann erfahren wir im Laufe des nächsten Tages. Zwischenzeitlich liegen jedoch Carsten und Chri im Lager der Hütte und wachen, aufgrund der Nähe zur Tür, jedes Mal auf wenn einer der Kameraden nachts aufs Klo geht – glücklicherweise haben wir ein kleines Bierfass kurz vor dem Schlafengehen leergetrunken. Dieser Umstand führt zu schlaftrunkenen Verwirrungen und so kommt es, dass Carsten und Chri sich voller Enthusiasmus die Hand reichen und „Servus, Ben“ sagen und mehrere Sekunden benötigen um ihren Irrtum zu bemerken.

Wir verlassen die Hütte gegen halb 5 in der Früh. Die ersten Sonnenstrahlen sind bereits zu sehen und verheißen geniales Wetter. Während des Aufstiegs wärmt uns die Sonne und wir wissen wieder einmal warum wir in die Berge zurückgekehrt sind. Schnell sind wir am ersten Gipfel des Watzmanngrats, dem Hocheck, angekommen. Vor der kleinen Biwakschachtel genießen wir ein ausgiebiges Frühstück in der Morgensonne und lassen die Beine über dem Abgrund baumeln. Anschließend legen wir die Klettersteigausrüstung an und steigen ein. Wir gehen die ersten Meter gesichert am Stahlseil und fragen uns welchen Herausforderungen wir noch begegnen werden.

Gemütlich folgen wir dem Grad und genießen den herrlichen Ausblick. Wir haben einen perfekten Tag für die Überquerung ausgesucht und können unser Glück kaum fassen. Die mehr oder wenig stark ausgesetzten Passagen sorgen für eine erhöhte Adrenalinproduktion und die Trittsicherheit ist nun wichtiger als die Kondition. Einige ungesicherte Kraxelpassagen lassen das Herz noch einmal schneller schlagen und schon stehen wir auf der Mittelspitze, dem höchsten Punkt mit 2713m. Nach einer kurzen Pause setzen wir unseren Weg fort und in der Stille des Augenblicks genießen wir die Freiheit und das erleichterte Seufzen einiger Mitglieder nach dem Einrasten des Karabiners am Sicherungsseil. Die Bezeichnung „Fußbus“ hat sich mittlerweile etabliert und so kommt es, dass das gängige Vokabular um Begriffe wie Platten, Panne, fährt ab, muss abgeschleppt werden, muss aufgetankt werden, Verspätung, außerfahrplanmäßig ausgebaut wird.

Kurz vor dem Südgipfel werden wir noch von einer Gruppe Trailrunnern überholt, welche nur in kurzer Hose und T-Shirt unterwegs sind. Ob die Watzmannüberschreitung wirklich der perfekte Ort für Trailrunning ist? Wir lassen uns nicht irritieren und genießen nach erfolgreicher Überschreitung des Grats einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Nur der lange Abstieg trennt uns von dem erfolgreichen Abschluss der Tour. Nach einer gefühlten Ewigkeit, einigen anstrengenden Abkletterstellen, dem obligatorischen Geröllfeld-Surfen mit Sturz, Mittagshitze, Knieschmerzen, Fußsohlenschmerzen, Fluchattacken, Knieknorpelverlusterscheinungen erreichen wir endlich die Wimbachgrießhütte. Beim Anblick unserer Truppe schmunzeln die anwesenden Gäste und fragen interessiert nach woher wir kämen. Hier rasten wir noch einmal und genießen ein kühles Radler, Kuchen und Germknödel. In flachem, wunderschön wildem Gelände wird es anschließend noch einmal 3 Stunden das Tal hinuntergehen und jeder wird endgültig seine Fußsohlen als einen einzigen monströsen Schmerz verspüren.

Doch halt – am Rande der Rast an der Hütte ist Chri so dreist und drängelt sich in der Kloschlange vor Flo. Dieser ist jedoch die Ruhe weg und revanchiert sich gekonnt mit 2kg an gesammelten Steinen, die er in Chris Rucksack vor dessen Rückkehr vom Pott versteckt. Letztere Steine wird Chri erst am Parkplatz völlig verwundert und begleitet von lautem Gelächter in seinem Rucksack finden. Es heißt 1 zu 0 für Flo.

Um 19 Uhr abends erreichen wir nun endgültig den Parkplatz. Die Bergstiefel haben sich mittlerweile mit den Füßen der Teilnehmer vereint und können nur unter großen Schmerzen ausgezogen werden. Hier hilft nur eine ordentliche Abkühlung mit Bergwasser aus dem Fluß neben dem Parkplatz. Nach dem Gruppenplantschen beschließt Ben B. noch kurz in Boxershorts und FlipFlops zur öffentlichen Toilette zu schreiten und sorgt für Aufsehen bei den uns umgebenden Rentern.

Dann machen wir machen uns zügig auf den Rückweg nach Karlsruhe. Ein kurzer Essensstop sorgt noch einmal für Verwirrung, da wir wie ein Haufen Krüppel die Treppen hoch humpeln, stets mit einer Hand am Geländer, denn unsere Muskeln sind mittlerweile hart wie Stahl und signalisieren ihre Kapitulation. Doch auch diesen Teil des Tages lächeln wir gekonnt weg und wieder einmal ist eine geniale aber auch schmerzhafte Tour zu Ende gegangen, die wir nicht vergessen werden.