2009 – Powder Party

7. November 2010, von Philipp Nusser

Tag 1

29.03.2009 20:13 Uhr

Da ist sie endlich, unsere Hütte. Die ersten von uns haben es geschafft. Nur noch wenige Meter liegen zwischen ihnen und einer gemütlichen Stube mit heißem Ofen. Völlig erschöpft, von Blasen an den Füßen geplagt, unterkühlt und trotzdem nassgeschwitzt wünscht sich jeder von uns nichts sehnlicher als einen trockenen, warmen Ort. Die Sonne ist bereits vor einer halben Stunde untergegangen. Das Fass wurde zusammen mit dem Schlitten längst zurück gelassen. Die meisten von uns haben den letzten, quälend steilen Hang noch vor sich. Als Ben nun als erster die einsame Heilbronner Hütte betreten will, der Schock: Die Tür ist verschlossen!

11 Stunden zuvor.

Bestens gelaunt erreichen wir am Morgen den Parkplatz von Wirl bei Galtür in Tirol, Österreich. Alle sind gespannt, wie sie wohl wird, unsere zweite Powder Party. Martin, Flo Seiferlein, Mario, Aeggi, Raphael und Vincent sind zum ersten Mal dabei. Bereits in der Früh bei unserem Treffpunkt in Lindau überreichte Novize Mario jedem von uns eine eigene Dog-tag-Kette mit ausgefrästem PP Logo, die wir von nun an neben der Kappe und dem Flachmann zu unseren Powder Party Besitztümern dazu zählen.
Neben den fünf Neulingen wollen nun, wie schon im Jahr zuvor, Josef, Ben Bolland, Carsten, Philipp, Flo Pier, Chri, Robin, Ferdi, André, Marius und Ben Michelfelder vier Tage lang Gipfel erklimmen und Abfahrten genießen. Doch es wäre keine Powder Party Skitour, wenn sie nicht mit einer großen Überraschung aufwarten würde: Mit dramatischer Musik hinterlegt präsentieren Flo Pier, Chri und Ben ein Bierfass, das wir mit einem von Flo und seinem Vater handwerklich hervorragend gebautem Schlitten hochziehen sollen. Mit der Konstruktion wollen wir mit einem Seil, abwechselnd zu viert, die in einem schweren, schwarzen Fass verpackten köstlichen 30 Liter bis nach oben schleppen. Begleitet von verblüfften Blicken bringen wir zügig und motiviert die ersten Meter auf der Galtürer Skipiste hinter uns. Doch der ein oder andere fragt sich bereits insgeheim, wie wir das Fass wohl die restlichen 890 Höhenmeter durch den Neuschnee, der gerade auf uns herabrieselt, nach oben schaffen werden. Nach der planierten Piste und einer kurzen Pause beginnen wir mit dem schwierigen Aufstieg durch das unwegige Terrain.
Ausgerüstet mit Karte, Höhenmesser und Kompass navigieren uns von nun an Ben und Flo durch den Tiefschnee - das schlechte Wetter verhindert jegliche optische Orientierung. Abwechselnd zerren wir das Fass durch die Hänge hinauf. Verglichen mit dem zentnerschweren Schlitten ist es für alle geradezu erholsam, zwischendurch nur den eigenen 20-Kilogramm-Rucksack zu tragen. Nach den ersten Stunden jedoch lastet auch dieser immer schwerer. Wir legen Pausen ein, doch nicht alle Kraft kehrt nach wenigen Minuten Erholung zurück. Nichtsdestotrotz haben wir alle noch viele Reserven und kämpfen uns weiter hinauf, durch steile und enge Passagen und entlang schräger Hänge, bei denen der Schlitten immer wieder umkippt. Nach anstrengenden acht Stunden erblicken wir zum ersten Mal unser Ziel. Weit vor uns, an einem steilen Hang, wartet die Heilbronner Hütte in 2320 Metern Höhe seelenruhig auf uns. Unsere siebzehn-Mann Gruppe ist inzwischen weit auseinander gerissen. In kleinen Gruppen oder allein versucht jeder, die Hütte endlich zu erreichen. Noch immer wollen wir das Fass nicht aufgeben. Doch als die Sonne unter geht und wir vor dem letzten großen Anstieg stehen, beschließen wir, den Schlitten stehen zu lassen, um ihn in den nächsten Tagen zu bergen. So kommen wir schließlich erschöpft, aber überglücklich, nach zehn Stunden Aufstieg an unserer Hütte an und machen uns sogleich daran, den Ofen aufzuheizen. Die Tür war zum Glück nur etwas eingefroren und nicht abgeschlossen – der Schlüssel wäre nämlich im Tal beim Hüttenwart gewesen.
In Decken eingehüllt genießen wir das köstliche Abendessen und freuen uns, den schwierigen Aufstieg gemeistert zu haben.

Tag 2

Geschwächt vom ersten Tag beginnen wir den zweiten gemächlicher. Anstatt wie üblich um sechs Uhr aufzustehen<, gönnen wir uns einen gemütlichen Morgen in der Hütte mit einem kraftspendenden Frühstück. Eingehüllt in blendend weiße Wolken, die sich mit den schneebedeckten Hängen vermischen, starten wir gegen elf Uhr unsere heutige Tour. Leider musste Vincent auf der Hütte bleiben, da seine ausgeliehenen Skischuhe am Tag zuvor riesige Blasen an seinen Füßen aufgerissen haben, die kein Pflaster abdecken konnte.
Durch das unendlich erscheinende, immer heller werdende Weiß wandern wir direkt von unserer Hütte aus auf den 2626 Meter hohen Jöchligrad zu. Nach zwei Stunden Aufstieg und einer herzhaften Vesperpause erblicken wir gerade die Bergspitze, als die Wolkendecke plötzlich aufreißt und einen unvergesslichen Blick auf das um uns liegende Alpenpanorama freigibt. Bis zum Horizont durchbrechen unzählige Gipfel die Wolkendecke, um in der Sonne zu erstrahlen. Erfüllt von einem Freiheitsgefühl erklimmen wir die letzten Meter zum Gipfel und genießen die Aussicht mit dem ein oder anderen Gipfelschnaps. Spätestens als wir uns anschließend an die Abfahrt durch den Neuschnee mit Blick auf die unter uns liegenden Wolken machen, spürt jeder von uns, warum es sich lohnt, jeden noch so harten Aufstieg auf sich zu nehmen.
Wieder an der Hütte angekommen, verbringen wir einen gemütlichen Nachmittag. Während Ferdi, Philipp und Aeggi das Treppengeländer der Sommerhütte shredden und über die Terrasse in den weichen Powder springen, nutzt auch Marius die weiche Landung, als er sich von einer senkrecht stehenden Leiter stürzt. Nach dem sich alle mehr oder weniger austobt haben, beginnen wir die Arbeiten an der Location für den Abend: In Anlehnung an die Schneehöhle vom Jahr zuvor graben wir zwei Meter tief in den Boden ein Rondell, in dem wir es uns abends nach dem Essen bei heißem Glühwein gemütlich machen. Dort singen wir aus unserem Liederbuch und wärmen uns am rauchenden Schneelagerfeuer auf. Nach einem kleinen Feuerwerk klettern einige von uns noch mit ihrer Decke auf das Dach der Hütte, um den klaren Alpensternenhimmel zu bestaunen.

Tag 3

Frisch erholt und vom Frühstück gestärkt brechen wir am dritten Tag um halb sieben Uhr noch vor Sonnenaufgang zu unserer nächsten Tour auf. Wir müssen uns in den kühlen Morgenstunden beeilen, um so sicher wie möglich zum Gipfel zu gelangen. Uns erwartet ein wolkenloser, sonniger Tag, der jedoch auch seine Tücken birgt: Der viele Neuschnee ist in Kombination mit der Aprilsonne nicht ungefährlich. So können wir den magischen Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen die unberührte Schneefläche um uns herum zum Strahlen bringen, nur kurz genießen. Nach kurzer Diskussion, welchen Berg wir besteigen, entscheiden wir uns für den 2604 Meter hohen Stritkopf.
Steile Hänge meidend, marschiert unsere sechzehn-Mann-Schlange geschlossen auf den weißen Gipfel zu, der sich von einem bilderbuchblauen Himmel abhebt. Nach drei Stunden schweißtreibendem Aufstieg in der gleißenden Sonne errichten wir kurz unter der Spitze unser Mittagscamp. Ein weiteres Mal genießen wir das Gefühl, von einem eigens bestiegenen Berg in das tiefe Tal und zum entfernten Horizont zu blicken. Einige Hundert Meter unter uns entdecken wir Vincent, der es sich inzwischen ebenfalls in der Sonne gemütlich gemacht hat, nachdem er dank der Blasen leider erneut nicht mitkonnte. Währenddessen überrascht uns Aeggi, als er eine Sektflasche (aus Glas!) aus seinem Rucksack zieht, die wir natürlich sogleich brüderlich teilen. Dabei kommt uns unser zurückgelassenes Fass wieder in den Sinn, dass weit weg und gerade noch als Punkt erkennbar alleingelassen auf uns wartet. So beschließen wir, nach einer ausgiebigen Vesperpause mit viel Käse, Wurst und Speck, es noch heute zu bergen. Davor werden wir jedoch noch mit einer traumhaften Abfahrt durch den Pulverschnee belohnt, die wir natürlich, wie fast alles auf unserer Tour, auf Film und Foto festhalten.
Wieder an unserer Hütte angekommen, macht sich unser sieben-Mann-Bergungstrupp auf den Weg, den Schlitten hinaufzuschleppen. Inzwischen steht die Sonne hoch am Himmel, die gefühlte Temperatur steigt in wüstenähnliche Bereiche. Zum Schutz stülpen wir uns sogar umgedrehte Wärmedecken über den Kopf. Nach kurzer Verschnaufpause beim zugeschneiten, schön gekühlten Fass ziehen wir den Schlitten im Rekordtempo wieder zur Hütte hoch. Mit dem Fass im Schlepptau benötigen wir eine ganze Stunde weniger als zwei Tage zuvor ohne. Nie haben wir uns ein kühles Bier mehr verdient – dieser Meinung sind wir beim Anstich in der Stube und genießen jeden Schluck des goldgelben Gebräus. Unterdessen überrascht uns Marius mit dem nächsten Gimmick: Zusammen mit Ben überreicht er jedem von uns ein Abzeichen für die Tour in Form eines Buttons mit Logo darauf. Sogar für die Powder Party 2008 werden noch nachträglich Buttons vergeben.
Die warme Sonne lockt uns jedoch kurz darauf wieder nach draußen. Dass es allerdings ohne Bekleidung doch nicht so warm ist wie gedacht, wird uns schnell klar, als wir unser obligatorisches Gruppennacktfoto schießen. Ben Bolland muss einige Beleidigungen ertragen, als er die Kamera minutenlang einstellen muss, während wir alle halb erfrieren. Genau in diesem Moment taucht am Horizont ein Helikopter auf, natürlich ausgestattet mit einer hochauflösenden Militärkamera. Alles andere als gut getarnt, bleiben wir einfach cool stehen und posen weiter für unsere eigene Kamera, während der Heli uns mindestens fünf Mal umkreist. Nach dem alles im Kasten ist, verbringen wir den restlichen Tag gemeinsam in der Hütte mit Kartenspielen, Singen, Essen und Trinken.

Tag 4

Erneut brechen wir bereits früh auf, um vor Sonnaufgang so weit wie möglich zu kommen. Dank einigen schmerzlindernden Salben und Tabletten zwängt sich auch Vincent zum ersten Mal wieder in seine „geliebten“ Skischuhe, um mit uns abzufahren. Nachdem wir die Hütte aufgeräumt und den Müll in und auf unseren Rucksäcken verstaut haben, singen wir zusammen unser Abschiedslied „Nehmt Abschied Brüder“, bei dem sich in jedem unserer Köpfe unweigerlich die Abenteuer der letzten Tage nochmals abspielen. Mit einigen schwermütigen Schulterblicken zurück zur Hütte fahren wir schließlich zusammen ins Tal hinab. Unsere Skifahrer Robin, Marius und Ben kümmern sich dabei abwechselnd um den Schlitten, der sich nicht gerade leicht über die gefrorene Schneedecke steuern lässt. An einem steilen Hang bricht plötzlich einer der Griffe und wir können den Schlitten zum Glück gerade noch davon abhalten, ohne uns ins Tal zu rasen. So ist auch unsere letzte Abfahrt alles andere als langweilig, zumal die Sonne den Schnee immer schwerer werden lässt.
Einige Abschnitte müssen wir auch zu Fuß hinter uns bringen, so auch eine lange Gerade kurz vor dem Skigebiet Galtür. Dort treffen wir auf einen älteren, äußerst redefreudigen Herrn, der uns von seinen eigenen Skitour-Abenteuern berichtet, die sich gar nicht so sehr von unseren unterscheiden. Einen Bierkasten habe er jedenfalls auch schon einmal zur Heilbronner Hütte geschleppt, berichtet er uns stolz. Mit einem wertvollen Ratschlag („Fährst du ab auf Harsch, musst du bremsen mit dem..ähhh…Knie!“) verabschiedet er sich.
Wir erreichen schließlich wieder das Skigebiet bei Galtür. Wegen des schönen Wetters lassen wir es uns nicht entgehen, die warme Sonne auf einer offenen Terrasse bei einem ordentlichen Mittagessen zu genießen, um dann „oben ohne“ die letzte Abfahrt zu machen. Natürlich mal wieder begleitet von verblüfften Blicken.